7. Februar 2017

Nachricht

30 Jahre Kirchengemeinde Alt-Garbsen

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Quelle: Grahe

Ich habe über 30 Jahre in einer fantastischen Kirchengemeinde gearbeitet. 1986 hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich hier in Altgarbsen - einer Stadtrandgemeinde mit einigen Problemen - auf eine Gemeinde treffe, die wir gemeinsam nach und nach zu einer so spannenden und modernen Gemeinde entwickeln würden.

In ihrem Visitationsbericht hat die Superintendentin Schölper 2007 folgendes geschrieben:
„Die Kirchengemeinde Alt-Garbsen kann m.E. als modellhaft für eine moderne Kirchengemeinde gelten, die die beiden Pole Organisationsentwicklung und Wahrnehmung des (geistlichen) Auftrags einer Gemeinde zusammenhält. Besonders beeindruckend ist dabei, dass bei aller Organisationsentwicklung und allem Bestreben zur Effizienz gerade unter den Mitarbei-tenden auch geistlicher Austausch und spirituelle und seelsorgerliche Impulse gesetzt werden.“

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Quelle: pixabay

Ich habe es schon oft betont: Es liegt einzig und allein an den Menschen, die hier leben. Sie sind zu einem großen Teil aufgeschlossen, neugierig, beweglich, offen. Es gibt hier vom Obdachlosen bis hin zum Hochschulprofessor eine sehr große Bandbreite an Herausforderungen und Ressourcen.
Normalerweise würde ich in der Öffentlichkeit nicht das Loblied auf „meine“ Gemeinde anstimmen. Aber kurz vor dem Ende meiner Zeit als Pastor dieser Gemeinde, bietet sich ein Rückblick an. Dabei ist mir einiges deutlich geworden.

Innovativ und kreativ

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Quelle: pixabay

Die Mitarbeitenden dieser Gemeinde waren immer schon innovativ und kreativ. Vor allem, wenn es darum geht, die "frohe Botschaft" von Gottes Liebe in Wort und Tat unter die Menschen zu bringen. Sie haben nach vorne geschaut und dadurch wichtige Impulse gesetzt. Einige Beispiele:

Internet: Heute ist das Internet in fast jeder Gemeinde selbstverständlich. In Altgarbsen gab es schon 1996 junge Leute, die sich mit ihrer „Happy Church Box“ mit anderen vernetzt haben - längst bevor es das Internet gab. Und als es das Internet gab gehörten sie zu den ersten, die unsere Gemeinde ins Netz gestellt haben.

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Grafik: fairtrade-deutschland.de

Lernende Gemeinde: Wir haben uns früh vorgenommen, eine „lernende Gemeinde“ zu sein. Dazu gehört es, immer wieder die gesellschaftliche Entwicklung anzuschauen und daraus Schlüsse für die Arbeit zu ziehen. Unsere Steuerungsgruppe hat u.a. den Impuls unserer Diakonin Andrea Spremberg aufgenommen und den Gedanken des „Fairen Einkaufs“ übernommen. "Bewahrung von Gottes Schöpfung" ist das entscheidende Stichwort dabei. Das hat mit dazu geführt, dass wir heute die „Faire Stadt Garbsen“ haben. Wir haben Preise dafür gewonnen und das Zertifikat der Landeskirche bekommen.

Die Umsetzung des Inklusionsgedankens im Konfirmandenunterricht und auf Jugendfreizeit ist ein weiteres Beispiel.

Krisenfest und proaktiv

Geld
Foto: pixabay.com

Finanzen: Als sich Anfang der 1990er Jahre langsam aber deutlich abzeichnete, dass sich die finanzielle Lage der evangelischen Kirche insgesamt mehr und mehr verschlechtern würde, haben viele davor die Augen verschlossen. In Altgarbsen gab es Menschen, die genau hingeschaut haben. Sie wollten nicht jammern, sondern etwas tun. Sie gehörten mit zu den ersten in der Landeskirche, die eine Stiftung gegründet haben (heute haben wir drei davon).

Zusammen mit den jährlichen Spendeneinnahmen konnten wir so einen Teil der fehlenden Kirchensteuereinnahmen ausgleichen.

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Quelle: Gemeindebrief

Personal: Parallel zum Abbau der finanziellen Mittel hat es natürlich auch bei uns einen dramatischen Stellen-Abbau gegeben. So haben sich allein die Pastorenstellen von zwei auf eine halbiert. Das heißt aber nicht, dass in dieser Gemeinde nichts mehr los ist. Im Gegenteil. Viele Ehrenamtliche (nicht zuletzt im Kirchenvorstand) haben wesentlich mehr Verantwortung und Eigeninitiative entwickelt. Sie prägen heute viel deutlicher als früher das Gesicht der Gemeinde.

Angebote wie das Offene Gemeindehaus, Kinderkirche, Mädchengruppe, Chor, Kunst-Kultur-Kirche, Mittagsgebet, Weihnachtsmarkt, … würde es ohne sie gar nicht geben.

Neues Gemeindehaus
Foto: Grahe

Bauliche Veränderungen: Es ist nicht leicht für eine Gemeinde, sich von alten Gewohnheiten und auch von alten Gebäuden zu trennen. Es gab Gemeindeglieder, die sehr traurig waren, dass wir uns von unseren Gemeindehäusern verabschieden mussten. Es waren aber auch Gemeindeglieder, die uns ermutigt haben, etwas Neues aufzubauen. Und so steht heute nicht der Verlust im Vordergrund, sondern die Freude darüber, was entstanden ist: Ein spannendes Gemeindezentrum, das mit historischer Kirche, nagelneuem Gemeindehaus und dem Platz dazwischen genau das widerspiegelt, was diese Gemeinde ausmacht. »So alt und quicklebendig« war das Motto, das wir zum 150. Kirchenjubiläum 1995 formuliert haben.

Da wo früher das alte Schulhaus als Gemeindehaus gedient hat (nur über Stufen zu betreten und hinter hohen Hecken versteckt) steht heute ein offenes, einladendes Gemeindehaus, bei dem man schon von weitem sieht: hier ist was los.

3 Könige
Quelle: Grahe

Regionalisierung: Uns wird immer wieder bestätigt, dass es uns gelungen ist - zusammen mit Willehadi und Havelse - eine der wenigen gut funktionierenden Regionen in der Landeskirche zu bilden. Auch das hilft uns, die Verknappung der Ressourcen auszugleichen. Zusammen mit unseren Nachbarn haben wir 1 gut funktionierendes Gemeinde mit integrierter Kirche (Havelse), 2 neue Gemeindezentren, eine historische und eine ganz neue Kirche, in Zukunft: 3 PastorInnen, 2 Diakoninnen und hunderte von Ehrenamtlichen mit entsprechender Zeit, Kraft, Ideen, …

Zum Schluss

So könnte ich noch manches aufzählen und doch habe ich sicher wieder einiges vergessen.
Sie merken schon: ich bin mächtig stolz auf „meine“ Gemeinde und freue mich, dass ich meinen Beitrag zur Entwicklung der Gemeinde leisten konnte.
Die Aufgaben von uns Pastoren haben sich in den letzten 3 Jahrzehnten dramatisch verändert. Neben den Rollen Seelsorger, Prediger, Pädagoge ist die Rolle des Gemeinde-Managers immer umfangreicher und wichtiger geworden. Ich gehöre zu denen, die diese Veränderung und Vielfalt begrüßt und genossen haben.

Wenn ich mir die Kirchengemeinde Alt-Garbsen heute anschaue, dann bin ich sicher, dass sie auch in Zukunft eine lebendige, lernende Gemeinde bleibt und mit den Herausforderungen, die es in unserem Stadtteil gibt, kreativ umgehen wird.
»So alt und quicklebendig« eben. Wie unser Glaube, der auf einer Jahrtausende alten Geschichte beruht und immer wieder doch immer wieder neu begeistern kann (Heiliger Geist).
So bleibt mir nur, mich aus vollstem Herzen dafür zu bedanken, dass ich über 30 Jahre Pastor dieser Gemeinde sein durfte. Und ich freue mich, dass ich auch weiter als Gemeindeglied hier leben werde.

 

Herr Pastor Burkhard Grahe

Burkhard Grahe

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Die Predigt zum Abschied

finden Sie unter predigtpreis.de.